27. August 2013

Kontrollverlust

Wir alle haben Ängste. Da gibt es Höhenangst, Platzangst, Spinnenphobie, Existenzängste, Phobophobie (Angst vor der Angst) und viele viele mehr. Und da gibt es noch die Angst vor dem Kontrollverlust. 
Damit meine ich die subjektive Angst... die Angst darüber, nicht mehr Herr über seinen Körper zu sein. Oft gehen mit dieser Angst auch einige Suchtformen einher, wie z. B. die Spielsucht, Kaufsucht, Essstörungen etc.. Wer unter einer dieser Suchtformen leidet, hat in den Situationen, in denen die Sucht auftritt, die Kontrolle über seinen Körper und sein Handeln ein Stück weit verloren. 



Warum ich auf das Thema zu sprechen komme ... auch ich leide unter dieser Art der Angst. 
Bei mir ist es jedoch so, dass ich keine Sucht entwickelt habe, sondern es sich bei mir auf meinen Körper bezieht. Um das Problem etwas zu erläutern, muss ich ein wenig ausholen:


Alles begann 2007. In einer Nacht hab ich furchtbar schlecht geschlafen ...eigentlich hab ich fast gar nicht geschlafen. Ich musste ständig die Toilette aufsuchen... Die Nacht verlief so, dass ich mich hinlegte und 2 Minuten später durfte ich wieder losrennen. Irgendwann saß ich nur noch an der Bettkante, weil sich Hinlegen nicht lohnte. Ich war ein wenig verzweifelt, habe mir aber diesbezüglich noch nicht sehr viele Gedanken gemacht.
Am nächsten Tag (es war ein Sonntag) wollten meine Eltern und ich zu einem Flohmarkt, welcher knapp 40 Minuten Autofahrt entfernt stattfand. Wir setzten uns ins Auto und fuhren auf die Autobahn. 
Nach ca. 3 Minuten hatte ich das dringende Bedürfnis eine Toilette aufzusuchen, was ja auf der Autobahn bekanntlich ziemlich schlecht ist. Ich hatte das Gefühl, ich könnte es nicht mehr einhalten. Ich schrie meinen Vater an, er solle umdrehen (natürlich... auf der Autobahn). Ich bekam eine Panikattacke, begann zu hyperventilieren, weinte und schrie. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte wirklich das Gefühl, ich könnte es nicht mehr halten. Also ... ging es direkt ins Krankenhaus. Dort diagnostizierte man eine harmlose Blasenentzündung. Diese wurde mit Antibiotika behandelt. Das Tragische ... die Blasenentzündung ging weg, die Panikattacken und das Gefühl ständig zu müssen, blieb. Ich konnte die Wohnung nicht mehr verlassen, konnte kein Auto mehr fahren. Ich war 10 Wochen krankgeschrieben und musste am Ende auch deswegen meine damalige Ausbildung kurz vor Schluß abbrechen. Kein Arzt fühlte sich zuständig. Der Urologe meinte, es sei alles in Ordnung. Der Hausarzt meinte, es liege an den Rezeptoren im Hirn. Meine Gynäkologin meinte, es könnte am Beckenboden liegen. Mein damaliger Psychiater (den ich aufgrund dessen aufsuchte) war der erste Arzt, der mich ernst nahm und verstand. Nach Experimenten mit Antidepressiva, welche jedoch aufgrund der Nebenwirkungen missglückten, habe ich 2008 mit einer Psychotherapie begonnen.
Aufgrund verschiedener Rituale und verschiedener Verhaltensmuster habe ich gelernt, meinen Alltag wieder normal zu bestreiten. Jedoch gibt es noch Aktivitäten, die für mich undenkbar sind. 
Meine Freunde habe sich bereits vor geraumer Zeit von mir abgewandt... was mir jedoch zeigt, dass ich ihnen nicht wichtig genug war, um sich mit der Situation auseinander zu setzen.

Ich stehe zu meinen Ängsten und gehe damit offen um, um mein Umfeld aufzuklären und den Menschen bewusst zu machen, dass manche Menschen durchaus Probleme haben, die man ihnen nicht ansehen kann.
Ich schade weder mir, noch meinem Umfeld und trotzdem leide ich unter einer psychischen Erkrankung. 
Heutzutage sollte dies kein Tabuthema mehr sein. Wer heute versucht, einen Termin mit einem Psychotherapeuten zu vereinbaren, wird merken, wie schwierig das ist. Die meisten sind komplett ausgebucht, was natürlich einerseits die Offenheit, aber auch ein Problem der Gesellschaft wiederspiegelt. 

Wir alle haben unsere Ängste... bei manchen ist es ausgeprägter und bei anderen ist es nichts, was sie im Alltag belastet. Wie auch immer wir mit unseren Ängsten umgehen... seid respektvoll Anderen gegenüber, die mit ihren Ängsten zu kämpfen haben und unterstützt sie. 

In diesem Sinne...


L.H.P. 


                                                             

Kommentare:

  1. Zu deinem Kommentar auf meinem Blog: Stimmt. Ein Ganzkörperbild fehlt. Bei dem "gepose" muss ich allerdings sagen, das bin halt nun mal ich und die Art, wie ich Bilder für meinen Blog aufnehme. Extrovertiert ist mein zweiter Vornahme. ,-D Du wirst in jedem Blogpost von mir dieses Gepose finden. ,-D Ich danke dir aber für deine Meinung und wünsche dir in diesem Sinne, einen guten Wochenstart und weiterhin viele Fortschritte bei deiner Geschichte (habe mich etwas durch deinen Blog gelesen). Ich danke dir für die Aufklärung, denn ich wusste nicht, dass es so etwas gibt, bzw. habe mich nie damit auseinander gesetzt. Grossen Respekt für deine Offenheit und diesen Blog. lina.

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  2. krass. Ich hab auch Ängste, daher finde ich es sehr mutig, dass du das öffentlch machst.

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    1. Hallo Evy,
      schön, dass du "mich" gefunden hast :-)
      Und danke für die netten Worte.
      Komischerweise ist es für mich so selbstverständlich darüber offen zu sprechen/ schreiben, dass es mich gar keine Überwindung kostet. Daher würde ich es in meinem Fall gar nicht als "mutig" betrachten :-)

      Liebe Grüße

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  3. Liebe Peaches,
    ich finde es wahnsinnig mutig, dass du so offen über dich schreibst. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Nur noch wenige Menschen stehen dazu, wie sie sind. Das liegt (meiner Meinung nach) oft auch daran, dass Menschen wie wir nicht mehr ernst genommen werden. Uns wird gesagt wir sollen uns nicht so anstellen, mal zusammenreißen. Hat jemand einen gebrochenen Arm nimmt man das ernst, hat jemand ein gebrochenes Herz, wird das belächelt.
    Ich hadere nun auch seit Jahren mit mir selbst. Lange war ich in ambulanter Therapie, dann stationär, Tabletten, Autogenes Training... der ganze Kram eben. Und trotzdem, Man fühlt sich allein und unverstanden. Wenn man sein Leben nicht so führen kann wie andere heißt es man sei faul. Das tut weh und irgendwann redet man sich sogar selbst ein man sei es vielleicht wirklich.
    Psychische Krankheiten bedeuten eine unheimliche Belastung und es kostet Mut sich der Kritik der Öffentlichkeit zu stellen.
    Ich ziehe meinen Hut vor dir!

    Liebste Grüsse,
    Denise

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    1. Liebe Denise,
      ich danke dir für deine lieben und aufbauenden Worte.
      Gerade heute war ein Tag, an dem ich mal wieder mir und der Welt gezeigt habe, dass ich leider eben nicht so bin, wie Andere. Ich habe eben eine "Einschränkung", die man mir an anstrengenden Tagen besonders anmerkt.
      Aber du hast recht... wir alle haben unsere "Wehwehchen". Bei manchen sieht man es, bei anderen eben nicht.
      Ich habe keine Angst davor verurteilt zu werden. Ganz im Gegenteil.
      Der, der mich verurteilt, für das, was ich habe oder das, was ich bin, zeigt mir nur ganz klar, dass dies ein Mensch ist, mit dem ich eigentlich nichts zutun haben möchte?!
      Abgesehen davon redet die Gesellschaft so offen über Sex, da verstehe ich es einfach nicht, warum psychische Erkrankungen totgeschwiegen werden.

      Also, liebe Denise, gerade heute konnte ich deine lieben Wort gut gebrauchen und ich danke dir für die Komplimente!
      Ich denke, dass man einfach sich mit der Situation anfreunden muss, bevor man lernen kann, etwas dagegen zutun.

      Ganz liebe Grüße
      L.H.P.

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  4. Ich finde es toll, dass du über so etwas schreibst.Ich selbst leide unter Depressionen und auch Panikattaken teilweise werde ich auch Aggressiv. Zwar schlage ich jetzt keine Leute zusammen aber ich werde wütend, obwohl es eigentlich keinen oder nur einen geringen Grund gibt. Ich habe mich auch schon selbst verletzt, obwohl ich weiß das es nicht gut ist. Ich wünsche dir alles Gute.
    Bei mir ist es mit den Freunden auch so gewesen. Jetzt hab ich nur noch meine Familie. Aber wer braucht schon Freunde,denen man nichts bedeutet.
    Alles Liebe
    Michelle

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    1. Hallo Michelle,
      vielen Dank für dein Kommentar und deine lieben Worte :) Das, was du beschreibst, klingt für mich sehr nach Borderline.
      Ich wünsche auch Dir alles erdenklich Gute auf deinem weiteren Weg.

      Ganz liebe Grüße
      L.H.P.

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  5. Ich finde es ganz toll, dass du die Tabuisierung psychischer Erkrankungen aufgreifst. Auch ich kämpfe teilweise mit depressiven Verstimmungen, Panikattacken, psychsomatischen Symptomen oder Ängsten. Psychotherapie hat mir dabei sehr gut geholfen! Mich würde interessieren ob du mit deinem Therapeuten einen Grund für die plötzlich auftretenden Ängste gefunden hast?

    Ganz liebe Grüße,
    Victoria

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    1. Hallöchen Victoria,
      vielen Dank für dein Kommentar und deinen Zuspruch :)

      Während meiner Therapie konnten wir leider nicht den Grund für meine Ängste herausfinden. Es war zwar bekannt, dass das Einnässen nicht der Hauptgrund meiner Angst ist, sondern eher der Kontrollverlust. Was aber dieses Bedürfnis nach Kontrolle in meinem Leben ausgelöst hat, konnten wir nicht herausfinden.
      Während der Therapie war aber schnell klar, dass der Grund nicht der Schlüssel zur Lösung des Problems ist. Daher haben wir relativ zügig mit der Verhaltenstherapie begonnen. Also Strategien erarbeitet und praktische Übungen in den Alltag integriert.

      Liebe Grüße
      L.H.P.

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  6. Ah sry, hatte irgendwie überlesen, dass du ja eine Verhaltenstherapie gemacht hast, da steht die Frage nach dem Warum ja auch nicht wirklich im Vordergrund. Ist denn bei dir jemals die Überlegung einer Zwangsstörung aufgekommen?

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    1. Eine Zwangsstörung ist eher unwahrscheinlich, weil mein Körper mir deutliche Signale gibt, sobald die Angst aufkommt. Ich habe Zwangsgedanken... ja... und diese wiederum verursachen meine psychosomatischen Symptome. Ist ziemlich grenzwertig, aber anhand mehrerer Fragebögen und etlichen Sitzungen wurde eine Zwangsstörung während meiner Therapie ausgeschlossen. Dafür denke ich anscheinend noch "zu rational" ;-)

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  7. Achso alles klar! Mich haben deine Einträge nur erst mal an Zwangsgedanken und - handlungen erinnert :)

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  8. Vielen Dank für deinen Blog. Ich habe wohl etwas sehr, sehr ähnliches erlebt. Ich dachte immer, dass ich damit ziemlich alleine bin. Auf jeden Fall verfolge ich deinen Blog nun aufmerksam. Schön, das ich diesen zufällig gefunden habe. :)

    Falls du wissen möchtest, wie es bei mir verlaufen ist:

    http://bunte-nacht.blogspot.de/2015/08/angst-durch-einblicke-ruckblicke-und.html

    Liebe Grüße

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    1. Schön, dass du meinen Blog gefunden hast.
      Ich freue mich immer darüber, wenn Menschen, die selbst betroffen sind, ihren Weg hierher finden. So hat man einfach die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

      Ganz liebe Grüße

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