5. Mai 2014

Der "was wäre, wenn...." Gedanke

Sicherlich kennen die meisten Menschen das Problem, dass man sich über manche Dinge einfach viel zu viele Gedanken macht. Man grübelt, man schmunzelt und man hinterfragt manches?!
Ich denke, dass das vollkommen "normal" ist.

Was einen Angstpatienten von einem, nennen wir ihn mal "Nicht-Angstpatienten" unterscheidet, ist, der "was wäre, wenn..." Gedanke. Klar... jeder denkt mal über die Konsequenzen seines Handelns nach oder überlegt sich, was passieren könnte, wenn dieses oder jenes eintreten würde. In der Regel ist es dann auch so, dass dieser Gedanke kommt, man sich einen kurzen Moment damit auseinandersetzt und dann entsprechend reagiert oder die Sache abhakt.
Der Angstpatient ist jedoch durch diesen Gedanken so eingenommen, dass er in manchen Situationen einfach erstarrt und entsprechend Angst bekommt. Das Herz rast, man beginnt zu schwitzen, manche Patienten haben Ohrensausen, die Beine werden "weich", man spürt seinen Puls im Hals, der Mund wird trocken, man beginnt leicht zu zittern.... das komplette Programm wird abgespielt, wodurch die Angst noch verstärkt wird. Manche äußern, dass sie in solchen Momenten sogar Angst haben, an diesen Symptomen zu sterben.
Bei mir persönlich ist das (zum Glück) nicht der Fall. 

In solchen Momenten versuche ich mich damit zu beruhigen, dass mir bisher nichts passiert ist und es sicher bald vorbeigeht. Ich versuche bewusster zu atmen, mich krampfhaft abzulenken (was in der Regel aber nicht funktioniert) und die Situation durchzustehen
Und klar... wie fast jeder Angstpatient besteht dann auch bei mir der "Fluchtgedanke". Bloß aus der Situation raus, um sich "sicher" zu fühlen. Was natürlich eher schädlich für die nächste Male in solchen Situationen ist.


Dieser "was wäre, wenn..." Gedanke ist ein Phänomen, was sich leider auch nur selten entkräftigen lässt.
Man stelle sich folgende Situation vor: 



Eine Angstpatientin hat Angst vor Brücken. Sie ist sich vollkommen darüber im Klaren, dass eigentlich nichts passieren kann. Sie weiß, dass täglich viele Menschen über Brücken laufen oder unter ihnen herfahren und bisher nichts passiert ist. Sie stellt sich die Frage, warum gerade dann, wenn sie über diese Brücke geht, etwas passieren sollte. Aber dann taucht dieser "was wäre, wenn..." Gedanke auf. Also was wäre, wenn gerade dann die Brücke in sich zusammenbrechen würde, weil das Fundament nicht mehr standhält?! Was wäre, wenn ihr beim Gang über die Brücke schwindelig wird, sie sich an der Brüstung festhalten will und darüber stürzt?! Was wäre, wenn sie genau in Mitte der Brücke eine Panikattacke bekommen würde und weder vor, noch zurück könnte?!
Für jemanden, der solche Ängste nicht kennt, sind diese Gedanken mit Sicherheit nicht nachzuvollziehen, da alles ziemlich unwahrscheinlich und irgendwie auch unlogisch klingt. 
Und genau da ist der Haken...

... für jemanden, der diese Gedanken hat, könnte all dies eintreffen?! Im Kopf bzw. in der Fantasie ist alles möglich. Und dadurch verstärkt man allein durch angsterzeugende Gedanken seine Angst/Panik. 
Was also tun? 
Ich denke, wichtig ist einfach, zu versuchen, Situationen so anzunehmen, wie sie sind. Weniger denken, mehr tun (jaja... sagt sich so einfach). 
Man muss sich vor Augen halten, wie wahrscheinlich solche angstbesetzten Szenarien eintreten könnten?!
Was hätte man davon, wenn man einfach seine Angst überwindet und diese Situationen aufsucht?
Was verliert man, wenn man es nicht tut?

Man muss eben versuchen, schlechte Gedanken, gegen bessere Gedanken auszutauschen

Dieser "was wäre, wenn..." Gedanken kommt bei den meisten Menschen nicht von jetzt auf gleich.
Er ist antrainiert, indem man sich immer wieder damit auseinandersetzt.
Nun muss also der Angstpatient lernen, diese Gedanken wieder zu verlernen. Es sich in einem harten Training wieder abzutrainieren
Ich denke, dies ist etwas, was auch ein "Nicht-Angstpatient" gut verstehen kann.
Es ist wirklich ein Training, ein Umlernprozess, der natürlich seine Zeit braucht.
Es passiert nicht über Nacht und auch nicht, wenn man 2-3 Mal in angsterzeugenden Situationen war und dies gut geklappt hat. Man muss sich immer und immer und immer wieder davon überzeugen, dass es funktioniert. Und auch die Motivation und den Kampfgeist nicht verlieren, wenn es einmal dann nicht so gut geklappt hat. 

Also... was wäre, wenn dieser "was wäre, wenn..." Gedanke einfach weg wäre?

Ich denke, dass das Leben dann viel einfacher wäre. 

Aber da ich noch nicht an diesem Punkt bin, wo ich weiß, wie es sich anfühlt, diesen Gedanken nicht zu haben, kann ich auch noch nicht konkret beschreiben, wie es sich dann anfühlen würde.

Mir bleibt erstmal nur weiteres Training und die Hoffnung, dass ich irgendwann dieses Ziel erreiche.


L.H.P.



Kommentare:

  1. Hallo,
    ich finde deinen Blog sehr schön. Ich finde er bringt einen zum Nachdenken. Mach weiter so ! ♥

    Liebe Grüße,
    Alicia

    breathe-in-the-ocean.blogspot.de

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    1. Vielen Dank für dein Feedback Alicia :)
      Es freut mich immer, wenn sich jemand auf meinen Blog verirrt und mir Zuspruch für das gibt, was ich tue.... auch, wenn es ein eher schwieriges (Tabu-)Thema ist.
      Danke :)

      L.H.P.

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  2. Hallo, bin zufällig über deinen Blog gestolpert... bin selbst von allerlei betroffen.
    Sehr gut beschrieben, ich habe bislang nur einen Bericht darüber verfasst, http://www.test-the-best.me/bist-du-noch-normal/
    LG Kornelia

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    1. Hallo Kornelia,
      vielen Dank für dein Kommentar.
      Es ist wirklich immer wieder schön zu merken, dass man mit solchen Problematiken nicht alleine ist?!

      L.H.P.

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  3. Mhm... ab und zu habe ich solche Situationen auch. Witzigerweise auch bei Brücken. Es gibt bestimmte Brücken, da kann ich einfach nicht dicht an der Brüstung gehen; und ich bekomme Bammel das ich runterfallen könnte. Bei mir dürfte das eher mit einer gewissen Höhenangst zusammen liegen, als mit den "Was-wäre-dann"-Gedanken.

    Aber sorry: Ich habe keine Ahnung wie man da helfen könnte. Ich denke so Tipps wie "einfach nicht dran denken", sind eher u-hilfreich, denn hilfreich.

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    1. Das mit der Brücke hat auch überhaupt nichts mit meiner Fallgestaltung zutun. Es war lediglich ein Beispiel, um die Problematik der "was wäre, wenn..." Frage zu verdeutlichen. Ich denke, mit diesem Beispiel können "Nicht-Angstpatienten" mehr anfangen, als mit dem, was mich belastet.
      Aber das mit der Höhenangst kenne ich auch ;-)

      L.H.P.

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