16. Mai 2014

Erwartungshaltung / selbsterfüllende Prophezeiung

Jeder, der vor etwas Angst hat, kennt das Gefühl, dass er verspürt BEVOR er sich in angsteinflößende Situationen begibt. 
Es ist ein Gefühl der Unsicherheit, welches durch viele kleine, manchmal unbewusste Gedanken ausgelöst wird. Man könnte sagen, es ist ein Vorbote von der eigentlichen Angst, die durch die Situation hervorgerufen wird/wurde. 

Wenn ich mit jemanden über Ängste spreche oder mir davon berichtet wird, wovor manche Menschen Angst haben, dann werden mir auch oft konkrete Situationen geschildert. Aufgefallen ist mir auch, dass ich ebenfalls von Situationen spreche, wenn ich von meinen Ängsten erzähle. 
Somit ist klar, dass man bereits VOR einer Angstsituation sich darauf vorbereitet, dass man Angst verspüren könnte.





Ich versuche das mal an folgenden Beispielen (für nicht Betroffene) zu erläutern:


  • "Ich habe Angst davor mir in die Hosen zu machen"
    • Situationsbeschreibung: "Ich verspüre Angst, wenn ich mich an Orten befinde, an denen ich keine Toilette aufsuchen könnte, wenn ich eine bräuchte."
      • Resultat: Person ist bereits angespannt, nervös und fast schon verängstigt, wenn sie weiß, dass sie einen Ort ohne entsprechende Sanitäranlagen aufsuchen wird. Das heißt: Die Angst besteht bereits vor der eigentlichen Angst
  • "Ich habe Angst davor alleine zu sein"
    • Situationsbeschreibung: "Ich verspüre Angst, wenn ich weiß, dass ich für eine gewisse Zeit alleine sein muss"
      • Resultat: Person ist bereits verängstigt, wenn sie erfährt, dass eine Situation eintritt, in der sie für ein paar Stunden alleine sein muss. Das heißt: Die Angst besteht bereits vor der eigentlichen Angst.
  • "Ich habe Platzangst"
    • Situationsbeschreibung: "Ich verspüre Angst, wenn ich weiß, dass ich nur mit Bus und Bahn ein Ziel erreichen kann"
      • Resultat: Person bekommt Herzrasen, Schweißausbrüche und "weiche Knie", wenn sie bereits an die Fahrt in engen Räumen in Verbindung mit vielen Menschen denkt. Das heißt: Die Angst besteht bereits vor der eigentlichen Angst.

Als Kind lernt man früh, dass jedes Handeln eine Konsequenz nach sich zieht. Diese kann sowohl positiv, als auch negativ sein. 
Irgendwann beginnen die meisten Menschen (Ausnahmen bestätigen die Regel) erst darüber nachzudenken, was sie durch entsprechende Handlung bewirken, bevor sie etwas tun. 
Man spricht diesbezüglich auch oft von einer "weisen Voraussicht". 
Aber wenn es um Ängste geht, ist diese Art der Voraussicht mehr als schädlich. 
Das Hirn speichert angsterzeugende Situationen ab und dies führt dazu, dass wir immer und immer wieder daran denken und beim nächsten Mal in der entsprechenden Situation bereits damit rechnen, dass die Angst erneut auftritt. 
Durch diese Gedanken wird eine Lawine an Gefühlen und noch mehr angsterzeugenden Gedanken ausgelöst, dass es häufig zu verstärkten Ängsten bis hin zu Panikattacken kommen kann. 
Die Therapeuten sprechen diesbezüglich oft von einer "selbsterfüllenden Prophezeiung".

Ich selbst kenne dieses "Theater", da auch mich diese Gedanken und Befürchtungen immer wieder verfolgen.
Ich mache mir bereits Druck, wenn ich weiß, dass ich mich in Situationen begebe, in denen ich EVENTUELL Angst haben KÖNNTE.
Der Kopf versucht sich quasi schon vorzeitig damit auseinanderzusetzen, um in der entsprechenden Situation vorbereitet zu sein.
Dass dies jedoch absoluter Blödsinn ist, hat das Hirn noch nicht begriffen.
Denn man kann sich nicht darauf vorbereiten. Man kann sich zwar vornehmen, wie man entsprechend handeln möchte, aber jeder Angstpatient weiß, dass sein Tun und sein Denken, in Angstsituationen nur schwer zu kontrollieren bzw. zu drosseln sind.

Diese Kette an Gedanken- und Gefühlsabläufen lässt sich nur schwer unterbrechen
Es ist etwas, was man sich mit der Zeit angeeignet hat. Man hat es gelernt, so zu reagieren.
Nun ist es also erforderlich, diesen Lernprozess zu unterbinden und eine neue Strategie zu erlernen.
Und die Strategie sollte heißen "Nicht denken... handeln". 
Wieso schon verrückt machen,  wenn man zuvor doch eigentlich nicht weiß, ob es einen Grund zur Angst gibt?! Wieso nicht einfach abwarten, was passiert?!



In der Theorie klingt das alles super und vor allem auch super einfach. In der Praxis ist es jedoch harte Arbeit. Ein ewiges Üben und Handeln.
Ständig muss man sich selbst beweisen, dass angsterzeugende Gedanken harmlos sind.
Ständig muss man sich in diese Situationen begeben, um den Glauben daran zu verlieren, Angst haben zu müssen. Es reicht nicht, dies 2-3 Mal zu versuchen und am Ende zu meinen, nun sei alles wieder gut. 
Der Körper und vor allem der Kopf wird einem spätestens beim 4ten Mal erneut zeigen, dass viel mehr erforderlich ist, als es nur zu "versuchen". 

Also ... Ärmel hochkrempeln, Kopf freischütteln und auf in den Kampf :-)

Lasst und nicht denken.... lasst uns handeln.


In diesem Sinne...

L.H.P.

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