19. Mai 2014

Kindliche Zukunftsvorstellungen

Noch diesen Monat werde ich 27 Jahre alt. Vor knapp 2 Monaten habe ich schon angefangen, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Jeder kennt das doch, dass man die ersten Wochen nach seinem Geburtstag noch immer mit dem falscher Alter antwortet, sollte man mal nach dem Alter gefragt werden. Man muss sich eben erst daran gewöhnen. 
27... das ist schon fast 30.... 
Die älteren Herrschaften unter meinen Lesern werden nun sicher schmunzeln und sich denken "Ach Kindchen... komm erst einmal in mein Alter...".
Dazu kommt auch noch, dass man mir mein Alter nicht ansieht. Die meisten Menschen schätzen mich auf Anfang 20. Je nach Situation finde ich das sogar ganz schön nervig. 
Aber das soll hier jetzt gar keine Rolle spielen. 

Als Kind und auch als Heranwachsende hatte ich immer bestimmte Ziele vor Augen.
Ich hatte immer ein Bild von dem, was ich in der Zukunft erreicht haben wollte und was ich beruflich mache.
Und seit meinem 24igsten Geburtstag blicke ich jedes Mal zurück auf diese Vorstellungen und bin zwiegespalten. Auf der einen Seite waren meine Ziele immer etwas... nun ja... übertrieben und fast schon lustig. 
Auf der anderen Seite habe ich jedoch nicht annähernd das geschafft, was ich mir früher vorgestellt habe.





Ich weiß, dass ich in der Grundschule immer davon träumte, Architektin zu werden. Ich wollte Rathäuser, Schulen und große Bibliotheken entwerfen. Ich sah mich in meinen eigenen vier Wänden an einem Schreibtisch sitzen und wild irgendwelche Pläne skizzieren. 
Nachdem ich irgendwann diesen Traum verworfen habe (da ich einfach andere Interessen entwickelt hatte), wollte ich Archäologin werden. Viel reisen, wochen- und monatelang an einer Ausgrabungsstelle mit einem kleinen Pinsel Segmente frei "pinseln". So, wie die Damen und Herren das immer im Fernsehen gemacht haben. 
Mit 9 Jahren wünschte ich mir zu Weihnachten eine elektrische Schreibmaschine. Als ich diese dann bekam, begann ich Geschichten zu schreiben. Ich kann mich noch heute an meinen ersten "Bestseller" erinnern....
Ab diesem Zeitpunkt war klar.... ich werde Archäologin und veröffentliche in meiner Freizeit ein Buch über die Geschichten des "Herrn Melankusa" (fiktiv). 
Ihr merkt schon: Ich hatte viel vor.

Als ich dann auf ein Gymnasium ging und langsam in die Pubertät kam, hatte ich mir über all das gar keine Gedanken mehr gemacht. Wer hat auch schon als Teenager Lust und Zeit stundenlang auf so einer lauten Schreibmaschine rumzuklimpern?!
Und was ich beruflich werden wollte? Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt dann auch nicht mehr. Ich dachte, das würde sich dann irgendwann herauskristallisieren, wenn ich mein Abitur mache.
Aber eins wusste ich ... ich wusste, wie mein Privatleben aussehen sollte.
In meiner Vorstellung habe ich mit 21 Jahren (was für eine 15 Jährige schon sehr erwachsen und alt war) den Partner gefunden, mit dem ich eine Familie gründen wollte. Ich wollte mit 23 mein erstes und mit 27 mein zweites Kind bekommen. Genau 4 Jahre dazwischen. So, wie es bei meinem Bruder und mir war. 
Also fest stand: Auch, wenn ich noch keine Ahnung hatte, was beruflich aus mir werden soll... 2 Kinder müssen sein!

Als ich dann jedoch ohne Abitur vorzeitig das Gymnasium nach der 10ten Klasse verließ, wusste ich nicht so recht, was aus mir werden soll/wird. Ich hatte nie ein Praktikum gemacht (da es dies auf dem Gymnasium erst ab Klasse 11 gab) und hatte daher nicht mal eine Ahnung davon, was ich nicht werden wollte.
Also nahm ich mir ein Jahr Auszeit. Ich bewarb mich in verschiedenen Institutionen, um mehrere Praktika zu absolvieren. Und rückblickend betrachtet, was dies eine der erwachsensten Entscheidungen, die ich bisher getroffen hatte. Meine Eltern waren zwar erst skeptisch, unterstützten mein Vorhaben aber voll und ganz.
Nun ja... ich machte 3 Monate Praktikum in einem Krankenhaus auf einer Neurochirurgischen Station, ich arbeitete 3 Monate in einer internistischen Arztpraxis und hatte anschließend vor, 3 Monate in einem Golfhotel zu arbeiten. Dies ist jedoch nie passiert, da ich schon beim Vorstellungsgespräch wusste, dass dies nichts für mich ist. 
Nach diesem Jahr Auszeit entwickelte ich neue Motivation und entschloss mich dazu Krankenschwester zu werden. Es war mein absoluter Traumberuf. Menschen helfen, sie pflegen, Wunden versorgen, die Anatomie des Körpers verstehen, die Atmosphäre in einem Team zu arbeiten und das Gefühl, was man hatte, wenn man vor Dienstbeginn seine Arbeitskleidung anzog. 

Ich liebte es. Ich wollte mit meiner Arbeit etwas bewirken. 
Jedoch wusste ich auch, dass ich noch nicht bereit für eine Ausbildung war. Somit entschloss ich mich, mich an einem Berufskolleg anzumelden, um dort mein Fachabitur nachzuholen, welches ich auch mit einem sehr zufriedenstellenden Abschluss schaffte. 

2006 war also meine berufliche Zukunft bereits geklärt. Dachte ich....
... bis ich eben Ende 2007 erkrankte und mich von meinem Traumjob verabschieden musste.
Was also tun? 
Ich war insgesamt 10 Wochen krankgeschrieben und musste mich in diesem Zeitraum entscheiden, ob ich die Ausbildung fortführe oder abbreche. 
Nach ewigen Gesprächen mit Familie, Partner, Bekannten und Dozenten, nach zig Pro- und Kontralisten und unzählbaren schlaflosen Nächten, habe ich mich dann schweren Herzens von meiner Vorstellung Krankenschwester zu werden, verabschiedet.  
Ich begann mich also beruflich neu zu orientieren.

Ich bereue es nicht, auch wenn ich heute noch sehr gerne an die Zeit im Krankenhaus zurückdenke. 

Ich weiß, dass ich die Ausbildung nicht hätte fortführen können, somit war auch dies eine realistische und erwachsene Entscheidung.
Meine zweite Ausbildung im kaufmännischen Bereich habe ich mit einem sehr guten Prüfungszeugnis bestanden, wodurch mir auch klar wurde, dass dieser Weg vielleicht auch nicht so verkehrt sein muss.

Und nun werde ich 27 Jahre alt. All das liegt hinter mir (wenn man nur vom beruflichen Werdegang ausgeht).
27 Jahre... und wenn ich so zurückblicke, gibt es Vieles auf meiner "Wunschliste", was ich NICHT abhaken kann.
Ich habe nicht studiert, hatte somit also nie die Möglichkeit herauszufinden, ob ich nicht doch eine super Architektin oder Archäologin geworden wäre. Ein Buch habe ich in meiner Freizeit auch noch nicht zustande gebracht (da ich auch heute keine Geschichten mehr schreibe). Dafür tobe ich mich ja nun kreativ hier auf meinem Blog aus ;-).
Ich werde 27 Jahre alt und bekomme nicht, wie geplant, bald mein zweites Kind.
Ich habe auch noch nicht den Partner gefunden, mit dem dies überhaupt möglich wäre.
Abgesehen davon, wäre 23 Jahre (in meiner Vorstellung) auch zu früh für das erste Kind gewesen.

Ich bin auch keine Krankenschwester geworden, war aber zumindest diesem Ziel schon sehr sehr nah.

Ich habe vielleicht nicht das in meinem Leben erreicht, was ich mir damals immer vorstellte. 
Aber ich glaube, dass das 9 jährige Mädchen an ihrer elektrischen Schreibmaschine trotzdem stolz auf die erwachsene, 27 jährige Frau wäre, wenn sie wüsste, was sie bis dahin schon alles durchlebt hat und einstecken musste.
Ich werde zwar 27 Jahre alt, aber es fühlt sich trotzdem so an, als würden mir noch alle Türen offen stehen.

Und wer weiß, was die nächsten Jahre noch so bringen.
Ich versuche zuversichtlich zu sein und verabschiede mich von all den irrealen Vorstellungen meiner Kindheit.
Ich bin froh, dass es heute ist, wie es ist.
Und ich glaube, dass ich zwar Vieles bereuen könnte und genug Gründe hätte, in Selbstmitleid zu versinken, aber es auch unendlich viele Gründe gibt, auf mich stolz zu sein.

Hattet ihr auch in eurer Kindheit oder als Jugendlicher konkrete Vorstellungen, wie euer Leben verlaufen könnte?
Denkt mal darüber nach?! Also mir hat es zumindest ein Grinsen ins Gesicht gezaubert, als mir wieder einfiel, wovon ich alles träumte.

In diesem Sinne...

L.H.P.

Kommentare:

  1. Nachdem ich die Bilder auf diesem Blog gesehen habe, finde ich es verwunderlich das du älter bist als ich o0

    Aber das was du bei dir "entdeckt" hast, ist normal - ich habe mich auch gefragt, ob ich mir mein jetziges Berufsleben so vorgestellt habe.

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    1. Hallo BitFreak,

      also an den Bilder kann man sich nicht sonderlich orientieren. Das Bild in diesem Beitrag ist bereits 2 1/2 Jahre alt (habe damals am Wochenende in einem Altenpflegeheim nebenberuflich ausgeholfen). Und das Bild in der Sidebar ist doch stark überbelichtet. Überbelichtet sieht jeder jung und "faltenfrei" aus ;-)

      Liebe Grüße

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  2. Mein alter Zahnarzt hat mit Anfang 50 seine Praxis verkauft und angefangen, Archäologie zu studieren. Und eine Bekannte hat mit 30 angefangen, Medizin zu studieren. Im Grunde ist es nie zu spät für irgendwas. Darin liegt viel Hoffnung, nicht wahr? Wenn du in X Jahren dann doch noch an eine Uni möchtest, und keine Kinder und keinen Mann hast, die dir da im Weg stehen, kannst du es einfach noch machen. Übrigens witzig, ich werde diesen Monat auch noch 27. Und ich sehe mich meistens auch schon als Fast-30, was eigentlich Blödsinn ist. Überleg mal, was in den letzten drei Jahren passiert ist. Und überlege dann, dass das, vielleicht sogar noch mehr, passieren wird, bevor du sagen kannst, dass du 30 bist.

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    1. Das man noch später sein Leben umstrukturieren kann, weiß ich. Meine Mutter ist das beste Beispiel dafür. Als die Kinder groß genug waren, hat sie eine neue Ausbildung begonnen, sich mit Fortbildungen und weiteren Lehrgängen eine Führungsposition erarbeitet und mit Anfang 40 noch den Motorrad-Führerschein gemacht.
      Es gibt immer einen Weg, im fortgeschrittenen Alter noch seine Träume zu verwirklichen.
      Daher sollte man sich einfach überraschen lassen, was die Zukunft noch bringt :-)

      Lieben Gruß

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  3. Ich finde es immer mutig, über Probleme zu schreiben, also über richtige, keine Luxusprobleme.
    Ich werde auch oft auf 22 geschätzt, und wenn ich dann erwähne, doch schon 6 Jahre älter zu sein, sind die meisten (vor allem 'männer') sprachlos.
    Als Kind hatte ich immer den Traum, frei zu sein, egal was ich mache. Zu leben, zu genießen, und das nachzugehen, was mich erfüllt, überwiegend kreatives.
    Mein erlernten Beruf gehe ich auch nicht mehr nach, aber das hatte ich schon in der Lehre gewusst, dennoch bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Heute bin ich auch im Einzelhandel tätig, und ich mag es nicht, und es gibt phasen, wo ich denke, ich kann das nicht mehr.. Denn für mich ist das nur eine Art, Geld zu verdienen, für die ich nicht brenne. Aber an meinem Traum halte ich fest, und versuche so gut es geht meins zu machen. Und ich habe auch den großen Glauben in mir, dass es irgendwann so sein wird, wie ich es mir vorstelle. Alles zu seiner Zeit. Man darf nur nicht aufgeben. :)
    Ich litt damals an Depressionen, wahrscheinlich über Jahre. (Sowas gesteht man sich ja nicht gleich ein.) Und ich würde lügen, wenn ich schreiben würde, dass da keine Angst ist, auch wenn recht klein und unscheinlich, davor, dass alles wieder anders kommt. aber es gibt genug, was mich von dieser angst abhält...und nur darum geht es. verstärkt merke ich es immer im winter, das ist jedes jahr ein kampf. aber das wissen, was es ist, woher die komischen gedanken und gefühle kommen, macht es einfacher...
    es ist wirklich alles möglich. erkenntnis und wissen sind schon mal ein guter anfang.
    alles gute dir!

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    1. Hallo Frl. Zyx,

      vielen Dank für deine Offenheit.
      Ich denke, wenn man einmal weiß, was einen bremst (fehlende Motivation, Erkrankungen, Stress...) ist es auch möglich, daran zu arbeiten bzw. diese Phasen zu überstehen.
      Würde man ständig im Dunkeln tappen und nicht wissen, wieso es sich so anfühlt, wie es sich eben anfühlt, dann würde man schnell den Mut verlieren, an seinem Traum festzuhalten und weiterzukämpfen.
      Ich bewundere jeden Menschen, der weiß, wie es sich anfühlt, Tag für Tag um etwas zu kämpfen, was ihm wichtig ist.
      Also... vielen Dank und bleib tapfer :-)

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