21. Juni 2014

Beispiel einer Panikattacke / Drogeriemarkt

Wie bereits zuvor mehrfach erwähnt, befinde ich mich aktuell in der glücklichen Lage, dass Panikattacken nur noch selten auftreten. Die Menschen, die bereits selbst die Erfahrung machen mussten, wie sich eine Panikattacke anfühlt, wissen wovon ich spreche/ schreibe. Jedoch gehe ich davon aus, dass der Großteil meiner Leser bisher davon verschont blieb. Daher möchte ich nun mal beschreiben, wie sich eine Panikattacke bei mir (!!!) äußert und wie ich mich dabei fühle.
Ich muss wirklich noch einmal betonen, dass es hierbei nur um mein persönliches Empfinden geht und aufgrund individueller Empfindungen, nicht für andere Angstpatienten pauschalisiert werden kann.

Meine letzte Panikattacke hatte ich an einem Nachmittag beim Einkaufen in einem Drogeriemarkt.
Ich hatte zuvor einen Termin bei meinem Zahnarzt, dessen Praxis...




... sich in der Nähe des Drogeriemarktes befindet. Es wurde ein Abdruck für eine neue Knirscherschiene angefertigt. Natürlich verließ ich die Praxis erst, nach dem ich die Toilette zuvor aufsuchte.
Anschließend ging ich zu meinem Auto. Als ich mich ins Auto setzte sah ich jedoch, dass ich zugeparkt wurde. Natürlich habe ich mich darüber geärgert, dachte mir aber, dass ich erst einmal nichts unternehme, sondern abwarte. Ich bin davon ausgegangen, dass der Fahrzeugführer sich bald wieder zu seinem Auto bewegt. Geschlagene 17 Minuten stand ich nun dort. Eine junge Frau ging unbehelligt zu ihrem Auto, wo sie auch direkt von mir abgefangen wurde und ich eine kleine Diskussion mit ihr führte. (Normalerweise nicht meine Art, aber ich war doch ziemlich genervt). 
Anschließend fuhr ich zum Drogeriemarkt. Aufgrund der Aufregung und dem Wissen, dass ich vor Ort nun erst einmal keine Toilette aufsuchen könnte (ja, solche Gedanken mache ich mir leider), wenn es nötig wäre, war ich nervös. Dazu kam, dass ich natürlich nicht auf Anhieb einen Parkplatz gefunden habe und daher etwas weiter abseits parken musste. Im Drogeriemarkt endlich angekommen, rannte ich von Regal zu Regal, um meinem mitgebrachten Einkaufszettel abzuarbeiten. An diesem Tag waren viele Kunden im Laden, die sich mir ständig in den Weg stellten und somit meine Wege um einiges verlängerten. 

Obwohl ich immer wieder versucht habe, meine Aufmerksamkeit dem Einkaufszettel und den Regalen zu widmen, wanderten meine Gedanken immer wieder Richtung Blase. Mein Herz schlug immer schneller und ich merkte immer mehr das Gefühl des Harndrangs. Ich versuchte mir einzureden, dass das wieder nur vom Kopf käme, da ich ja vor ein paar Minuten erst beim Zahnarzt die Toilette aufsuchte. Aber selbst beruhigen konnte ich mich nicht. Ich stand zwischen zwei Regalen, stellte mein Einkaufskörbchen auf dem Boden ab und merkte, wie mir das Herz "bis zum Hals" schlug. Dieses Gefühl machte mich noch viel nervöser. Ich versuchte mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass ich ja jederzeit im Drogeriemarkt auf die Toilette gehen könnte... aber da weit und breit kein Verkäufer zu sehen war, half mir diese Art der Selbstsuggestion auch nicht. Ich entschloss mich also auf dem schnellsten Wege zu Kasse zu kommen. Dort stellte ich fest, dass eine relativ lange Schlange an der Kasse war. Also... klar... wurde ich noch nervöser. 
Das Herz schlug noch schneller, meine Hände begannen zu zittern. Immer wieder überlegte ich, was ich nun tun soll... nach einer Toilette fragen? Einfach den Laden verlassen? Oder doch durchhalten und hoffen, dass das Gefühl bald aufhört?
Ich entschied mich für Variante 3. Ich blieb und versuchte, mich abzulenken. Ich merkte, dass ich immer hektischer wurde. Ich sah sicherlich aus, als ob ich etwas geklaut hätte und hoffen würde, dass man mich dabei nicht erwischt. 
Meine Knie wurden immer "weicher". Ich hatte das Gefühl, auf Watte zu laufen. Der Harndrang wurde immer stärker, so dass es mir gar nicht mehr gelang, mich abzulenken. Immer wieder bekam ich Hitzeschübe und das Gefühl, schlechter atmen zu können. Durch dieses unwirkliche Gefühl und dem nicht mehr ganz so sicheren Stand, habe ich oftmals in solchen Situationen Angst, dass ich Kreislaufschwierigkeiten bekommen würde, welche zu einer Ohnmacht führen. Ich weiß, dass dies eher unwahrscheinlich und nur ein typischer Angstgedanke ist. Trotzdem sind diese Gedanken während einer Panik da, so dass ich mich immer wieder an der Kasse festhielt, um mich etwas "sicherer" zu fühlen.
Endlich war ich an der Reihe. Ich ließ die Kassiererin meine Artikel einscannen, zückte mit zitternden Händen meine EC-Karte und griff ein Produkt nach dem anderen, um diese dann in meiner Tasche zu verstauen.
 
Mir ging es alles irgendwie nicht schnell genug. Ich wollte nur schnell da raus. Für mich sein. Mich den Blicken der anderen Menschen entziehen. 
Das Herzklopfen war kaum noch zu ignorieren. Mir war heiß und kalt zugleich. Hektisch und sehr in Eile ging ich schnellen Schrittes zu meinem Auto. Ich setze mich hinein, atmete 3-4 Mal tief ein und aus. Führte sogar Selbstgespräche, in denen ich mir sagte 
"Alles gut, du bist gleich zuhause... alles gut". 
Ja... ich kam mir bekloppt vor, aber was soll man da tun?!

Ich startete den Motor und wählte den kürzesten Weg, zur nächsten Toilette. Also fuhr ich zu meinen Eltern.
Während der Fahrt bekam ich mehrfach Hitzewellen und Kälteschübe. Ich glaube, so muss sich auf eine Frau in der Menopause fühlen. Und obwohl mir oft genug ziemlich heiß wurde, waren meine Hände zittrig und eiskalt. Immer wieder legte ich meine kalte Hand an den Hals oder in den Nacken. Mein Atem wurde immer schwere und ich versuchte das unangenehme Gefühl der Panik wegzuatmen (ähnlich, wie eine Schwangere, bei der Entbindung). In solchen Momenten ist es auch schwer, sich abzulenken, da die Gedanken immer wieder zur Blase wandern.

Als ich endlich vor dem Haus meiner Eltern parkte, wurde die Panik noch schlimmer. Mir wurde leicht schlecht, der Harndrang war nun so stark, dass ich das Gefühl hatte, ich könne keinen Schritt mehr gehen. Mir war nur noch heiß, da die Kälteschübe nachließen.
Und nun kommt der Witz an der ganzen Sache... ich ging in das Haus meiner Eltern, legte meine Tasche ab, legte meine Jacke auf einen Stuhl und ging ich die Küche, wo meine Mutter saß. Sie fing direkt ein Gespräch mit mir an, so dass ich erst einmal dort stand und ihr zuhörte. Ich setzte mich zu ihr, sprach mit ihr und erzählte ihr auch von der vorherigen Panikattacke.
Aber statt direkt zur Toilette zu rennen, saß ich da und unterhielt mich. Ich saß dort noch ungefähr 50 Minuten, bevor ich dann das erste Mal eine Toilette aufsuchte. 50 Minuten!!! Wobei ich zuvor das Gefühl hatte, ich könnte es nicht mehr halten?!
Das ist der Witz daran... das Hirn und die Nervosität verstärkten einen Reiz, der total unangebracht war.

Solche Situationen bestärken mich nur darin, dass ich mir 100% sicher bin, dass organisch bei mir alles in Ordnung ist und nur der Kopf mir einen Streich spielt. 
Ich bin einfach froh, dass ich nun den Großteil meines Alltags ohne Panik absolvieren kann. 

Aber weil ich immer wieder befürchte, dass eine Panikattacke auftreten könnte, schränkt es mich doch sehr ein und füttert nur die "Angst vor der Angst". 
Nur, wenn man sich dessen bewusst ist, kann man es schaffen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. 
Jedoch gehört viel Geduld und Ausdauer dazu. 
Daran arbeite ich.

In diesem Sinne...

L.H.P.

Kommentare:

  1. Wow, ich finde deinen Post echt interessant. Habe selbst einen Blog über meine Essstörung (kein Pro Ana) und andere kleine "Macken" von mir, aber mit Angststörungen hatte ich so noch gar nicht zu tun) ♥

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    1. Ich finde es im Allgemeinen gut, wenn man zu seinen "Schwächen" steht. Egal, ob es "kleine Macken" oder gesundheitliche Probleme sind. Daher finde ich es bewunderswert und gut, dass auch du zu deinem Problem stehst und somit für dich eine Art Akzeptanz diesbezüglich aufbaust :)

      Liebe Grüße
      L.H.P.

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  2. Danke erstmal für deinen Lieben Kommentar.
    Das was du hier beschrieben hast, finde ich zum einen total interessant, aber ich wüsste gerne woher hast du denn diese Panikattacken? Hast du ständig Angst das keine Toilette da ist? Und woher kommt das?
    Liebe Grüße

    http://sally-snow-white.blogspot.de/

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    1. Danke auch dir, für deinen Besuch auf meinem Blog :-)
      Also die essentielle Angst besteht darin, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Sprich: Mir in die Hosen zu machen! (Auch, wenn es keinerlei Gründe dafür geben würde).
      Woher das genau kommt, findest du in meinem Blogpost "Kontrollverlust" (http://loveheartpeaches.blogspot.com/2013/08/kontrollverlust.html).
      Und die Angst immer dann spürbar und stark, wenn ich eben das Gefühl habe, ich könnte nicht eine Toilette aufsuchen, wenn ich es wollte (selbst, wenn ich es nicht bräuchte).
      Schon allein der Gedanke "Wenn ich müsste, könnte ich nicht", setzt mich so unter "Druck", dass ich mich in eine Angst hineinsteigern kann.

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  3. Ich stöbere jetzt schon eine Weile durch deinen Blog - toll dass du so offen mit dem Thema umgehst! Ich leide seit ca. einem Jahr unter demselben bzw. einen sehr ähnlichem Problem. In vielerlei Hinsicht konnte ich mir inzwischen selbst helfen, was mich auch stolz macht, allerdings bin ich noch täglich eingeschränkt und werde mir nun wohl psychologische Hilfe suchen. Den Ärzte-Marathon mit Laktosetest etc. habe ich nämlich schon hinter mir und bin körperlich topfit! Ich wünsche dir noch jede Menge Glück für deinen Weg.

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    1. Ich kann mir nur gut vorstellen, inwiefern dich die Angst einschränkt.
      Und auch ich habe schon einen richtigen Ärzte-Marathon hinter mir.
      (siehe http://loveheartpeaches.blogspot.com/2013/10/erfolgte-prozeduren.html) und irgendwie fühlt man sich viel zu oft unverstanden.
      Ich danke dir für deine lieben Worte und wünsche dir auch weiterhin viel Kraft und jede Menge Glück auf deinem weiteren Weg :)

      Liebe Grüße

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