21. August 2014

Der Kampf ums Autofahren

Aufgrund einer alten CD, die ich gefunden habe, sind viele alte Erinnerungen hochgekommen. Eine davon ist die Erinnerung an die Nächte, in denen ich wieder lernte, Auto zu fahren.
Wieso wieder? 
Ich hatte ja bereits mal erwähnt, dass gerade in der Anfangsphase meiner Erkrankung es mir kaum möglich war, den Arzt zu erreichen, der zwei Straßen weiter seine Praxis hatte. Dementsprechend war eine Autofahrt, die länger als 5 Minuten dauerte, für mich fast unerträglich.
Nun ja... daher musste ich mir das Autofahren und das dazugehörige Selbstvertrauen langsam wieder erarbeiten. 
Was hat also die CD damit zu tun?

Also mein "Training" begann spontan und mitten in der Nacht. Ich lebte zu dem Zeitpunkt noch bei meinen Eltern. Ich weiß noch, dass ich in meinem Zimmer saß und mich plötzlich der Drang überkam, endlich aktiv was an meiner Situation zu ändern. Kurzerhand zog ich mir eine Jogginghose über, schlüpfte in einen warmen Pullover und setzte mich ins Auto. Als ich den Schlüssel im Zündschloss umdrehte, klopfte mein Herz bis zum Hals. Ich hatte zwar das Bedürfnis endlich was zu ändern, aber natürlich hatte ich Zweifel und auch Angst, dass ich mich in eine Situation begebe, die ich nur schwer ertragen kann.
Trotzdem fuhr ich los... ich öffnete das Fenster auf der Fahrerseite, schmiss die erstbeste CD ins Radio und überlegte, wo ich denn nun hinfahren könnte. Es musste etwas sein, was mich herausfordert, wo ich kaum Verkehr habe und wo ich wüsste, dass ich jederzeit wieder schnell nach Hause könnte. 
Nicht sehr weit von meinem Elternhaus entfernt, befindet sich eine kleine Schnellstraße. 



Auf dem Bild sieht man die Straße, die ich als Trainingsort für mich auserkoren hatte.


Ich fuhr also auf die Schnellstraße, versuchte meinen Atem zu regulieren und mich auf das zu konzentrieren, was außerhalb des Wagens passierte. Ich versuchte zwanghaft jeden Gedanken an meine Blase und mein aktuelles Empfinden zu verdrängen. Und dann kam dieses Lied. Dieses Lied, was ich zuvor zwar öfter schon hörte, aber irgendwie auch nie richtig wahrnahm. 


(habe leider keine bessere Version bei YT finden können)

Dieses Lied drückte plötzlich genau diese Zerbrechlichkeit aus, die ich in diesem Moment fühlte. Diese Unsicherheit, das fehlende Selbstbewusstsein, diese Angst, die ich selbst nicht verstand. Während ich die ersten Meter auf der Schnellstraße zurücklegte, überkam mich die Angst. Ich fuhr die erste Abfahrt wieder von der Schnellstraße ab und fuhr in Richtung meines Elternhauses.
Ich war enttäuscht, aber auch wütend. Wütend auf mich. Wütend auf meine Körperreaktionen. Wütend darüber, dass ich eigentlich der einzige Grund bin, warum ich nicht das schaffte, was ich mir so sehr vornahm. Kurz vorm Erreichen meines Zuhauses entschied ich mich, meiner Angst nicht direkt nachzugeben. Ich fuhr auf einen nahe gelegenen Parkplatz und parkte dort. Draußen war es dunkel. Die Straßenlaternen und der angrenzende Busbahnhof waren die einzigen Lichtquellen, die zusehen waren. 
Ich saß also da, alleine in meinem Auto, auf einem dunklen Parkplatz. Das Lied lief in Dauerschleife. Ich zündete mir eine Zigarette an und versuchte mich mit dem auseinanderzusetzen, was ich gerade fühlte. Wut, Trauer und Angst. Ich fühlte mich hilflos. Nun stand ich dort und weinte. Ich meine, dass ich mindestens 10 Minuten dort im Auto saß und einfach nur weinte. Was sollte ich tun? Weiterkämpfen oder einfach aufgeben? Jedes Wort dieses Liedes traf mich.
"I try so many times 
but it's not taking me 
and it seems so long ago 
that I used to believe 

and I'm so lost inside of my head 
and crazy 
but I cant get out of it 
I'm just stumbling
And I'm juggling all the thoughts in my head 
I'm juggling and my fears on fire
 
but I'm listening as it evolves in my head 
I'm balancing on one fine wire
And I remember the time my balance was fine 
and I was just walking on one fine wire 
I remember the time my balance was fine 
and I was just walking on one fine wire 


but It's frayed at both the ends 
and I'm slow unraveling
Life plays such silly games inside of me 
and I've had some distant cries, following 
and their entwined between the night and sun beams 
I wish I were free from this pain in me

..."
Selten passierte es mir, dass ein Lied so sehr das ausdrückte, was ich selbst nicht verstand. Dieses Lied machte mir deutlich, dass es eine sch***** Situation war, aber ich was dagegen tun muss. Ich startete den Wagen und fuhr nach Hause, um dort dem nachzugehen, wonach mein Körper schrie. 
Anschließend setzte ich mich erneut ins Auto, wild entschlossen bis zur zweiten Abfahrt der Schnellstraße durchzuhalten. Mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch fuhr ich also wieder auf die Schnellstraße. Das Lied lief erneut. 
Die kalte, klare Winterluft strömte in mein Auto, da ich das Fenster auf der Fahrerseite ganz öffnete. Mein Blick war starr nach Vorne gerichtet. Ich war alleine unterwegs. Kein Auto war zu sehen, so dass ich die Geschwindigkeit je nach Empfinden regulieren konnte. Immer wieder wanderten meine Gedanken Richtung Blase. Immer wieder kämpfte ich dagegen an und versuchte mich zwanghaft auf andere Dinge zu konzentrieren. Immer wieder riss mich der Text des Liedes aus meinem Gedankenchaos heraus und erinnerte mich an die Wut, die ich mir gegenüber empfand. 
Diese Wut und dieses Bedürfnis, mich selbst zu überlisten, führte dazu, dass ich natürlich an der zweiten Ausfahrt vorbeifuhr. Dieses Gefühl, dass in mir aufkam, als ich dies bemerkte, kann ich heute gar nicht mehr so richtig in Worte fassen. Irgendwas zwischen Stolz und "oh f*** ". Nun ja... jetzt hatte ich den Salat... es gab keine weitere Ausfahrt mehr, sondern ich fuhr geradezu in einen anderen Stadtteil. Ich drehte die Musik etwas lauter, fuhr schneller und versuchte den langsam aufkommenden Harndrang zu ignorieren. Vergebens... diese Unsicherheit, diese Angst führte einfach immer wieder dazu, dass mein Körper mir ein ungutes Gefühl verursachte.
Im anderen Stadtteil angekommen drehte ich schnellstmöglich um und fuhr erneut auf die Schnellstraße Richtung Heimat. 
Ich fuhr fast die ganze Nacht. Auf die Schnellstraße, bis zum nächsten Stadtteil und wieder zurück. Immer wieder mit kleinen Unterbrechungen auf der heimischen Toilette... aber ich war fest entschlossen, nicht aufzugeben. Ich glaube, ich kam erst gegen 4:30 Uhr in mein Bett, weil diese Wut mich einfach packte. In der nächsten Nacht drehte ich nochmals 2-3 Runden bis ich mich einigermaßen sicher fühlte, mal in die andere Richtung zu fahren. 
Und durch dieses regelmäßige Üben... durch das Lied und durch meine unheimliche Wut auf mich selbst, kam es dazu, dass ich eines Tages wieder meine "normalen" Strecken mit dem Auto zurücklegen konnte.
Bis heute ist für mich eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln undenkbar, aber ich bin so dankbar dafür, dass ich mich mit meinem Auto wieder fortbewegen kann.
Dieser ganze Kampf liegt nun schon knappe 7 Jahre zurück, aber jedes Mal, wenn ich dieses Lied höre, schießen mir die Tränen in die Augen. Heute nicht mehr aus Wut, sondern aufgrund dessen, dass ich dankbar bin, bisher so gekämpft zu haben, um meinen Alltag bestreiten zu können.
L.H.P. 

Kommentare:

  1. Hi L.H.P

    Kenne das Gefühl gut.. Man will etwas ändern, aber kann nicht, weil man sich immer selbst im Weg steht. Dabei ist es doch nicht so schwierig, es liegt ja schliesslich nur an mir. Aber trotzdem fällt es nicht leicht über seine Grenzen zu schreiten. Man muss sich Gefühlen aussetzen, die man nicht haben will, aber um weiter zukommen muss man es über sich ergehenlassen und durchhalten. Freut mich, dass du nun wieder Auto fahren kannst. Ich bin stolz auf dich, dass du diesen Schritt gewagt hast! Musik hilft immer und bei allem.. ;)

    Sarina

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    1. Dank dir, Liebes :)
      Es ist zwar jetzt schon so lange her, als ich die Nächte auf der Schnellstraße "verbracht" habe, aber noch immer freu ich mich darüber, wieder das bisschen Freiheit zurück erkämpft zu haben, was für so viele so selbstverständlich ist.
      Du kannst auch stolz auf dich sein. Stolz auf das, was du bisher erreicht hast :)

      Ganz liebe Grüße

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