3. August 2014

Spezifische Sozialphobie

Während der Reha wurde bei mir eine "spezifische Sozialphobie" diagnostiziert.
Zuvor war davon nie die Rede, aber eigentlich hatte der Therapeut recht damit (auch, wenn es dramatischer klingt, als es ist).

Für die, die nicht wissen, was eine Sozialphobie ist:
"[...]Das zentrale Merkmal sind ausgeprägte Ängste, in sozialen Situationen im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen und sich peinlich oder beschämend zu verhalten. [...] Menschen mit sozialer Phobie meiden gesellschaftliche Zusammenkünfte, da sie fürchten, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und auf Ablehnung stoßen zu können. Sie fürchten, dass ihnen ihre Nervosität oder Angst angesehen werden könnte, was ihre Angst oftmals noch weiter verstärkt."
(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Phobie)

Da ich jedoch nicht an einer generalisierten Sozialphobie leide, sondern an einer "spezifischen" Form, äußert sich bei mir die Angst anders.




Bei mir ist es so, dass diese Angst in bestimmten Situationen auftritt, die aber immer mit meiner eigentlichen Angst zusammenhängen.
Hier ein paar Beispiele:
  •  Ich bin nur ungern in der Innenstadt. Dort, wo all die Geschäfte sind und sich viele Menschen durch enge Gassen bewegen. 
    • Warum? Meine Befürchtung: Sollte ich in der Stadt eine "Panik" bekommen, würde ich ja schnellstmöglich eine Toilette aufsuchen wollen (Cafés, Einkaufszentren, Bäcker...). Jeder Mensch, der mir dann im Weg steht, stellt für mich ein Hindernis dar. Und da in der Stadt viele Menschen unterwegs sind, gibt es dort eben für mich viele "Hindernisse". Selbst, wenn die Angst nicht auftritt, bin ich vor Ort trotzdem angespannt, weil ich ja immer befürchte, es könnte die Angst auftreten. 
  • Ich bin nur ungern mit Menschen unterwegs, die meine Angst nicht kennen oder nicht verstehen können.
    • Warum? Eine erhebliche Sorge von mir ist, anderen Menschen zur Last fallen zu können. Man stelle sich folgende Situation vor: Ich sitze mit jemandem im Auto, da wir gemeinsam irgendwohin möchten. Auf der Fahrt dorthin überkommt mich die Angst und ich habe das Bedürfnis, irgendwo einen "Zwischenstopp" einzulegen. Für mich ist es eine Überwindung (sollte ich Beifahrer sein), die Person zu bitten, irgendwo anzuhalten, da sich die Ankunftszeit am eigentlichen Ziel verzögert und die Person ggf. genervt sein könnte. Sollte ich jedoch Fahrerin sein, wäre es mir unangenehm, die Person im Auto warten zu lassen. 
      • Das Gleiche würde natürlich auch bei einer Gruppe von Menschen auftreten. Wäre ich mit mehreren Personen unterwegs und ich wüsste, dass diese Gruppe wegen mir irgendwo warten müsste, hätte ich die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen, wodurch ich noch angespannter sein würde.
Im Prinzip ist immer der Gedanke "wäre doof, wenn ich jetzt zur Toilette müsste" der Angstauslöser, der mich erst unter Anspannung setzt und anschließend zur Nervosität und Angst führt.

Ich bin eigentlich eine offene Person. Ich bin gerne mit Menschen in Kontakt. Ich meide sie nicht...
... aber es gibt eben gewisse Situationen, die mir schwerer fallen, als Anderen.
Und in diesem Zusammenhang spricht man eben von einer "spezifischen Sozialphobie".

Ich glaube, in diesem Fall ist mein Problem, dass ich zu sozial eingestellt bin.
Hätte ich eine "scheißegal"- Einstellung, würde ich mich nicht so sehr unter Druck setzen und könnte in vielen Situationen entspannter und nachlässiger mit mir sein. 

In meinem Leben werden noch viele Situationen auftreten, die mir in dieser Art und Weise viel abverlangen.
Aber es macht keinen Sinn, diese zu meiden. Im Gegenteil... dadurch wird es ja nur noch schlimmer.
Also werde ich mich diesen Situationen weitestgehend stellen und hoffen, dass es mit der Zeit besser wird. 

L.H.P. 



Kommentare:

  1. Sehr gut aufgelistet - total iinteressant!

    Aber der Satz "Für die, die nicht wissen, was eine Sozialphobie ist:" kann weg - du erklärst es sowieso und die meisten wissen nicht, was das ist.

    Diese Scheiß-egal-einstellung ist für mich nicht erstrebenswert. Ich wünsche mir, irgendwann alles einordnen zu können in 'relevant' und 'nicht relevant' - ich würde alles durchdenken, aber wissen, wie ich die Infos zu verarbeiten habe.

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    1. Diese "Scheiß-egal-Einstellung" wäre auch nur praktisch, wenn sie mir dabei verhilft, nicht daran denken zu müssen, dass ich anderen zur Last falle.
      Dann wären meine Gedanken eher "Dann muss er/sie eben rechts ranfahren und nen Moment warten! Egal!" Dann würde ich mir zumindest nicht selbst diesen Druck machen?!

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    2. Cooler wäre eher: Denen passiert nix, wenn sie rechts ranfahren. Sie werden merken, dass es ein Notfall ist und Verständnis haben!

      Das unterstellt dem anderen nicht, dass er einen Fehler gemacht hat, sondern traut ihm zu, dass er richtig reagiert.

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    3. Wohl wahr. So kann man es natürlich auch sehen :)
      Und ich weiß ja auch, dass es eigentlich nicht schlimm ist. Nur ist das irgendwie noch nicht richtig in meinem Kopf angekommen...

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  2. Schubs die in der Innenstadt ruhig mal zur Seite, wenn die im Weg sind.
    Du darfst das, die nehmen auf dich auch keine Rücksicht.

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    1. Hallöchen Emil,

      das wäre natürlich eine Möglichkeit.
      Aber leider bin ich dafür zu höflich... und zu klein... und vor allem zu höflich... und zu klein ;-)

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  3. Hallo Peaches,
    ich habe bis vor wenigen Jahren selbst unter einer sozialen Phobie gelitten. Natürlich ist jede in ihren Ursachen individuell, aber deine würde ich nicht als sehr "spezifisch" bezeichnen.

    Warum? Die Angst anderen zur Last zu fallen oder andere zu nerven ist ein Zeichen mangelnden Selbstwertes und Selbstvertrauens. Andere machen das einfach. Das kann natürlich auch unsensibel sein, daher ist die "goldene Mitte" schon ein gutes Ziel.
    Das ist übrigens auch der Grund, warum das mit dem schubsen nicht so gut funktioniert. Aber wenn du weiter an dir arbeitest, dann wird das irgendwann mal gut klappen. Und falls du dir da Gedanken machst: das geht auch höflich :-D

    Ich vermute mit "zu sozial" meinst du eine große Hilfsbereitschaft? Auch das zeichnet schüchterne und Menschen mit sozialer Phobie aus. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn du dabei auch zwischendurch einmal an dich denkst ;-)
    Überfordere dich nicht mit den Gefühl (möglichst oft) anderen helfen zu müssen. Egal ob freiwillig oder unfreiwillig. Ich habe immer eine Katastrophe befürchtet, wenn ich einmal "Nein" sage. Tatsächlich war es eines der besten Gefühle, die ich jemals in meinem Leben hatte :-)

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    1. Hallo Rudolf,
      vielen Dank für deinen Besuch auf meinem Blog :)

      Der Begriff "spezifische Sozialphobie" bezieht sich nur darauf, dass meine Angst hauptsächlich dann Auftritt, wenn ich mich in bestimmten Situationen befinde. Da es sich zum Glück nicht um eine generalisierte Sozialphobie handelt, bin ich gar nicht unglücklich mit dieser Begrifflichkeit.

      Sonst bin ich ein aufgeschlossener, kontaktfreudiger Mensch und würde daher mich auch in Bezug auf Sozialekontakte nicht als Phobikerin betrachten.

      Schüchtern bin ich keineswegs. Das war ich mal, aber das habe ich durch meinen beruflichen Werdegang (Krankenpflege, Service-Center usw.) abgelegt bzw. quasi abtrainiert.

      Aber die Problematik mit dem "Nein" kenne ich nur zu gut ;-)

      Ganz liebe Grüße
      L.H.P.

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  4. Guten Tag Peaches Love,

    Wenn ich dir einen Rat geben darf:

    Fang klein an. Überlege dir eine Situation, in der deine Panik nicht gross ist. Wenn du dann in dieser Situation bist, lasse die Panik zu und kämpfe nicht dagegen an. So unterbrichst du den Teufelskreis! Unterstützte diese Denkweise mit Yoga Atemübungen.

    Wenn du die Situation gemeistert hast, wiederhole sie. Und wenn du dich bereit fühlst, schreite zur nächsten Situation. Und irgendwann bist du dann gerne in der Innenstadt und fühlst dich wohl. Keine Panik!

    Freundliche Grüsse

    Hoffnungs-Schimmer

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