11. März 2015

GASTbeitrag NR. 4 (Nelli / Persönlichkeitsstörung + Dysthymie)

Heute habe ich einen Gastbeitrag von der lieben Nelli für euch.
Wie bereits in der Vergangenheit erwähnt, dienen die Gastbeiträge dazu, euch einige psychische Erkrankungen vorzustellen und somit etwas aufzuklären.

Nelli leidet unter einer Persönlichkeitsstörung + Dysthymie 



Sie selbst hat einen Blog, in dem sie Dinge präsentiert und niederschreibt, die sie beschäftigen. Wirklich gut geschriebene Texte, die verständlich machen, was in ihrem Kopf vor sich geht. 
*** Kleine Warnung: Manche Texte sind nichts für zart besaitete Menschen ***

Nelli scheint sehr offen mit ihren Gedanken und ihrer Erkrankung umzugehen. Das finde ich wirklich sehr bewundernswert. Sie meistert ihr Leben von Tag zu Tag, durchlebt schwere Zeiten und reflektiert diese. Und wer nun den folgenden Beitrag liest, wird sich vorstellen können, wie schwer das für sie sein mag. 


Ich bin traurig. Sehr lange schon. Seit vielen, vielen Jahren. 

Aber ich weiß nicht warum. Meistens bin ich nur traurig, ohne etwas, worüber ich traurig bin. 


Gleichzeitig bin ich unfähig Freude zu empfinden, kann keine Begeisterung spüren, kein Glück. Verliere das Interesse an allem. 

Ich fühle mich außerdem sehr einsam. Es ist ein zerfressendes Gefühl. Ein Gefühl, dass mich in die Verzweiflung und Panik treibt. 


Ich habe Angst davor, dass ich für immer einsam sein werde. Es ist eine weite Einsamkeit. Ich fühle mich fremd in der Welt, in diesem Leben. Anders. Andere Menschen freuen sich ab und zu, sehen glücklich aus, regen sich auf, lieben sich, geben sich zufrieden. 


Ich werde nie so sein. Ich werde immer anders sein. Immer allein. Mir fehlt so vieles, um diese Einsamkeit abzulegen, mir fehlt Freundschaft, Liebe, auch körperliche Nähe, Intimität. Mein größter Wunsch ist, eine*n beste*n Freund*in zu haben. Nicht mehr allein zu sein. 




Wenn ich allein bin, verbringe ich die meiste Zeit damit, darauf zu warten, dass ich nicht mehr alleine bin. 

Ab und zu...



... kommt auch die Panik. Ohne Vorwarnung. Ohne Grund. Ich spüre sie sofort. Extreme innere Unruhe, irgendwo da unten im Magen. Alles was mir in meinen Gedanken, mein Blickfeld, oder sonst wo hinkommt, macht mir Todesangst. 

Ich will wegrennen. Aber wohin? Ich kann mir keinen Ort vorstellen, an dem ich lieber wäre, und doch wäre ich am liebsten überall, nur nicht hier. 


Ich will wegrennen aus mir heraus. Schreien, mich auf den Boden werfen, in den Boden zerfließen. Nicht mehr existieren. 


Und auf einmal ist alles wieder ruhig. 


Und dann ist sie wieder da. Die Traurigkeit. Als wäre sie nie weg gewesen. Ich vergesse, dass ich auch ab und zu nicht traurig bin. Ich vergesse, wie es sich anfühlt, nicht traurig zu sein. 


Es ist mein Lebensgefühl. Ich werde immer so sein, immer traurig. Es wird nie aufhören. 


Und dann ist es auf einmal vorbei. Wie, als hätte ich einen viel zu schweren Rucksack abgelegt, an dessen Gewicht ich mich schon so gewöhnt hatte, dass ich vergaß, dass ich ihn überhaupt trug. 


Ich bin fröhlich, mach mir keine Sorgen. Habe vor nichts Angst. 


Es wird stärker. 


Ich will rennen. Ich will tanzen. Ich will drei Tage lang tanzen. Meine Gedanken schießen nur so vor sich hin, aber nicht durcheinander. Ich denke klarer und viel, viel schneller als zuvor, meine Augenbewegungen sind rasend schnell. Ich rede schneller, bewege mich unruhig. Eine Idee nach der anderen entspringt mir. 


Ich will alles erreichen. Kann alles erreichen. Ich will bewundert werden. Auf Bühnen stehen, angehimmelt werden.


Ich kann fliegen, ich muss nur abheben. Ich schwebe. Ich bin größer und göttlicher als jeder Gott. 


Ich bin froh allein zu sein. Bewundere mich im Spiegel. Was zählt, bin ich. 


Dann bin ich wieder traurig. 


Gedanken an die Zukunft machen mir Angst. Alles, was ich sehe ist negativ, ist grau. Meine Wahrnehmung, nicht nur meine Gedanken, sind vernebelt. 


Alles ist so schlimm. Ich halte es nicht mehr aus. Ich will weg. Will sterben. Alles ist so schrecklich. Warum? Ich kann nichts empfinden, außer Traurigkeit und Verzweiflung. Ich will weinen. Doch ich kann es nicht. Ich kann seit Jahren nicht mehr weinen. Das macht mich noch trauriger. 


Und da ist es wieder vorbei. 


Das Tiefe, so wie das Hohe kommt ohne Vorwarnung, ohne Auslöser, in jeder Situation. Manchmal bleiben sie nur eine Sekunde, meistens ein paar Stunden, häufig auch ein paar Tage. Mal schwächer, mal stärker. Mal mehr Traurigkeit, mal mehr Angst. 


Doch sie gehen immer wieder, diese Phasen. Auch ohne Vorwarnung. 


Allerdings schaffe ich es nicht mit ihnen zu leben. Ich habe nie einen Grund aufzustehen, der aus mir selbst kommt Genauso, wie ich keinen Grund habe zu leben, der aus mir selbst kommt. 


Ich brauche meist mehrere Stunden um morgens aufzustehen, nur um am Nachmittag schon wieder im Bett zu liegen, und mich abends schlecht zu fühlen, weil ich wieder einen Tag verschwendet habe.


Ich esse nichts, ich trinke nichts. Dann esse ich wieder zu viel. Wasche nicht ab. Das Essen verschimmelt. Ich lasse es stehen. Schmeiße es weg. Traue mich nicht mehr in meine Küche. Die Wohnung ist unaufgeräumt. Ich fühle mich nicht wohl in ihr. Und doch verbringe ich fast den ganzen Tag in ihr. Ich gehe nur raus zu Verabredungen, zu Terminen, zum Einkaufen. 


Mein Leben kommt mir trist und langweilig vor. Ich schaffe es meist nicht zu lesen. Um überhaupt mit irgendetwas zu beginnen, vergehen Stunden. 


Alleine kann ich nicht leben. Und meine größte Angst ist, verlassen zu werden. Jegliche Handlung anderen gegenüber, ist nur von der Angst geprägt, dass jemand böse auf mich ist und mich dann verlässt, auch wenn diese Person überhaupt nichts mit mir zu tun hat. Diese Angst, ist mein einziger Motivator. Alles was ich tue, sage und denke, hat nur den Zweck ein Bild von mir in anderen zu erzeugen. Ein positives Bild, wenn das nicht geht, dann wenigstens überhaupt eins. Ich will gesehen werden. Will Aufmerksamkeit. Ich schreie nach Aufmerksamkeit, nach Nähe, nach Liebe. Doch ich habe Angst, andere Menschen anzusprechen, also agiere ich nonverbal. 


Es geht immer nur um mich. Aber ich bin allein. 


Das zerstört mich. 


Ich will nur noch sterben. Häufig. Immer häufiger sehe ich, wie ich mit einem Gegenstand umbringe, der mir gerade in den Blick fällt. Jeder weitere Gegenstand löst so ein Bild aus. Mein Drang wird immer stärker. Ich kann mich kaum noch zurückhalten. Jeden Tag lege ich mir mindestens einmal eine Schlinge um den Hals. Doch dann lasse ich mich doch nicht fallen. Ich habe es versprochen. Auch hier hält mich die Angst zurück, man könnte böse auf mich sein. 


In letzter Zeit kommt auch immer häufiger ein Drang dazu, mich selbst zu verletzen. Zum Teil um Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn es mir sehr schlecht geht, als Hilfeschrei. Aber meistens, ohne dass ich weiß warum. Ich würde gerne meinen Arm öffnen, Meinen Brustkorb, mein Herz herausreißen. 


Häufig kratze ich mir dann den Arm, wenn ich es nicht mehr aushalte, diesem Drang zu widerstehen.


Und dann ist auch wieder alles vorbei. Ich denke wieder normal, alles Vorherige kommt mir fremd vor. Doch in letzter Zeit kann ich mich auch dann immer mehr verstehen. 


Die schlechten Phasen kommen und gehen, doch das Gefühl von Einsamkeit und nicht zu dieser Welt gehören ist immer irgendwie da. 


Doch ich weiß nicht weiter, weiß nicht was mir hilft, außer Liebe zu finden vielleicht, worauf ich die Hoffnung aber schon lange aufgegeben habe. 


Wenn mich jemand, fragt, wie er*sie mir helfen kann, kann ich nichts Gutes antworten. Das belastet diese Beziehungen immer mehr, und ich habe Angst, dass sie daran zerbrechen und sie tun es auch tatsächlich. Ich stehe immer mehr für mich alleine da. All das verschlimmert die Einsamkeit immens.


Ich habe auch schon vieles versucht, mir Hilfe zu holen. Ich habe zuletzt zwei Wochen in der geschlossenen Psychiatrie verbracht und 6 Wochen auf der psychosomatischen Station, weil ich mit dem Leben abgeschlossen hatte, und nur noch sterben wollte. 


Doch dieser Aufenthalt hat auch wieder alles verschlimmert. Ich wurde aus meinem für mich extrem belastenden Leben herausgerissen und in ein noch schlimmeres Leben geworfen. Immer mehr Personen haben den Kontakt danach mit mir abgebrochen und ich fühle mich nun noch viel verzweifelter und hilfloser als zuvor. Weil mir dieser Aufenthalt nichts Hilfreiches gebracht hat. Ich bewege mich momentan in einer Abwärtsspirale. 


Die schlechten Phasen kommen immer wieder, immer häufiger. Die guten werden selten. Und auch die ausgeglichenen verschwinden langsam. 


Ich fühle mich nur noch leer, allein und einsam. Daraus entsteht eine fürchterliche Angst, eine schmerzhafte Sehnsucht nach Nähe, ein Schreien nach Hilfe und Zuneigung, und vor allem Traurigkeit und Verzweiflung. 


Ich habe auch innerlich schon aufgegeben, glaube ich. Diese Traurigkeit begleitet mich schon seit bestimmt 10 Jahren, und das Gefühl, anders zu sein und nicht dazu zu gehören eigentlich schon seit ich denken kann. Deshalb habe ich keine Hoffnung, dass es je anders sein wird. Und deshalb habe ich auch keinen Drang aus mir heraus, so weiter zu leben.


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An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei Nelli bedanken.
Ich muss gestehen, dass gerade der letzte Part des Beitrages für mich schwierig zu lesen war, weil man das Bedürfnis bekommt, zu helfen.
Auch, wenn das nicht so einfach geht. 

Wenn man sich einige Texte von Nelli durchliest und mit ihr schreibt, merkt man, dass es eine wirklich intelligente, junge Frau ist, die viel mehr ist, als einfach nur psychisch erkrankt. 
Daher hoffe ich, dass eines Tages ihre Gedanken einfach weniger schwer auf dem Brustkorb liegen und ihr das Leben somit leichter fällt.



Also liebe Nelli.
Vielen lieben Dank.
Bleib tapfer!

L.H.P.

(Hast auch du einen Blog über eine psychische Erkrankung oder möchtest du deine Erfahrungen hier mit anderen Menschen teilen? Dann schreib mir doch einfach und vielleicht bist du der/die nächste Gastautor/-in)


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