29. Juli 2015

[A-Z] I und J

I... wie Ignoranz, Irrtümer und Impulsivität

Während der ganzen Zeit, in der ich schon erkrankt bin, habe ich die verschiedensten Reaktionen auf meine Erkrankung kennen gelernt. Zu Beginn signalisieren die Menschen Interesse, ein wenig Mitleid und vor allem Neugierde. Wenn man allerdings längere Zeit mit den Menschen zu tun hat, denen man sich "öffnet", stellt man nach einer Weile fest, wie die entsprechenden Personen wirklich mit der Situation umgehen.
Da gibt es die Menschen, die im Alltag zu viel Rücksicht nehmen... mich in manchen Momenten mit Samthandschuhen anpacken und meinen, ich wäre nicht eingeschränkt, sondern fast schon BEschränkt.
Dann gibt es die Personen, die mich behandeln, wie jeden anderen auch. Keine Extrawürste, keine besonderen Verhaltensweisen und kein Mitleid ... nichts derartiges... und das finde ich gut. 
Und dann gibt es die Sorte Mensch, die mit der Weile einfach ignorant werden.
Sie sehen, dass ich in manchen Situationen eben "anders" bin und vielleicht auch Dinge ablehne, weil ich es mir nicht zutraue und legen das auch noch negativ aus. Sie nehmen meine Erkrankung nicht ernst, ignorieren die Anzeichen und geben mir am Ende des Tages das Gefühl, ich sei ein Simulant.
Das sind genau die Menschen, bei denen manche Dinge nicht an sie herankommen, solange sie diese nicht sehen können. 
Aber so verschieden die Menschen nun mal auch sind, so verschieden sind auch ihre Verhaltensweisen. Man lernt damit umzugehen... wie mit allem...



Psychische Erkrankungen haben in der Gesellschaft ein bestimmtes Bild. Vorurteile gibt es ohne Ende. In der heutigen Zeit...


... ist es durchaus nicht mehr so schlimm, wie es noch in der Generation meiner Ur-/Großeltern war. Dennoch fehlt die Aufklärung in Bezug auf die verschiedenen Erkrankungen, wie sie sich äußern und was sie mit den Menschen machen. Es fehlt das Verständnis für psychiatrische Einrichtungen (im Volksmund auch gerne "Klapse" genannt) und die einzelnen Therapiearten. Aber wie es auch meistens ist... womit man nichts zutun hat, interessiert einen nicht. 
Erst, wenn man eine betroffene Person im Umfeld hat oder gar selbst betroffen ist, fängt man an, die Fassade der Unwissenheit bröckeln zu lassen und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. 
Harmloser eben. 

In meinem Alltag bin ich wenig impuliv. Ich denke viel, überdenke viel und habe gerne einen Plan B zu einem Plan A.
Wenn ich dann doch mal impulsiv werde, dann meist in zweierlei Hinsicht... zum Einen, wenn ich plötzlich den Drang bekomme, etwas tun zu müssen (wie z.B. Nachts meinen Flur streichen) oder im Streitgespräch. Ich gehöre leider zu den Menschen, die im Streit Sachen sagen, die sie nachher bereuen. Ich meine nicht damit, dass ich ausfällig und beleidigend werde. Das ist es nicht. Aber ich gehe von Tatsachen aus, die nicht dem entsprechen, wie ich sie darstelle. Ich sage Dinge, die sich angestaut haben, übertreibe leicht, ohne am Ende das so in der Form gewollt zu haben. 
Allerdings entschuldige ich mich auch im Nachhinein, wenn die Situation sich ein wenig beruhigt hat. Ist doch besser als gar nichts, oder? ;-)

J... wie Jammerlappen und Job

Ja, ich gestehe... ich bin ein Jammerlappen. So nüchtern die meisten Blogeinträge von mir auch klingen... ich jammere viel. Nicht über meine Blase und nicht über meine Angststörung. 
Viel mehr über den Alltag. Über Wehwehchen. Über Stress... das meiste davon ist nicht ernstzunehmen, aber das muss man erst einmal wissen. 
Aber so war ich wohl schon immer. Kleine Kinder gehen mit ihren Wehwehchen zu ihren Mamas und sagen sowas wie "Mama, ich hab aua". 
Ich war eher so, dass ich zu meiner Mutter rannte und fragte "Mama, ist das normal?"
Woraufhin meine Mutter irgendwann nur noch zynisch antwortete "Nein Kind, wir sollten sofort ins Krankenhaus" (oder so ähnlich). Versteht mich nicht falsch: Ich war nie ein Hypochonder oder ging immer vom Schlimmsten aus. Aber meine Mutter ist beruflich auch im Gesundheitswesen tätig und somit war Mutti immer meine persönliche "Ärztin". Anscheinend wusste ich mich damals nicht besser auszudrücken und heute machen wir uns immer noch gerne darüber lustig.
Nun ja... jetzt ist es raus... ich bin ein Jammerlappen.

Nach einer abgebrochenen Ausbildung (gesundheitsbedingt), einer abgeschlossenen Ausbildung in einem unmöglichen Arbeitsumfeld und 2 Jahren Berufstätigkeit in einer befristeten Beschäftigung, bin ich nun seit einem Jahr bei einer Arbeitsstelle, an der ich mich wohlfühle, ich gefordert werde und ich das Gefühl bekomme, dass man mich braucht. Man respektiert sich, hat Spaß während der Arbeit und ich fühle mich nicht in meinem Handeln stark eingeschränkt. Meine Erkrankung ist bei allen bekannt und stellt keinerlei Probleme dar. Im Gegenteil. Bei der Planung von Tätigkeiten außerhalb des Bürogebäudes wird meine Erkrankung bedacht und mit eingeplant. Da mein Vertrag unbefristet ist, gehe ich davon aus, dass ich noch längere Zeit dort arbeiten werde. Und ich glaube auch, dass mir das ganz gut tun wird, auch beruflich endlich etwas zur Ruhe zu kommen. Denn gerade, wenn man so viel Zeit an einem Ort verbringt, ist es doch auch wichtig, dass man morgens nicht schon mit Magenschmerzen vor dem Gebäude steht und sich schon die schlimmsten Situationen ausmalt, die während des Arbeitstages passieren können?! Das hatte ich lang genug...

L.H.P.

Kommentare:

  1. Leider ist es so, dass viele Leute Krankheiten nur akzeptieren, wenn man sie sehen kann. Oder einfach Null Verständnis für andere haben. Meine Tante, die von meinen Problemen weiß, sagte zu meiner Mutter über eine Nachbarin, die ebenfalls eine Angststörung hat, diese solle sich nicht so anstellen und sich mal ein bißchen zusammen reißen. Dann ginge das schon. Für mich hatte sich damit so einiges erledigt. Ich erwarte da gar nichts mehr, man kann dann aber auch umgekehrt von mir nicht mehr viel erwarten.
    Ganz liebe Grüße

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    1. Ja, diese Reaktion kenne ich natürlich auch. Menschen, die einfach den Ernst nicht erkennen. Nicht sehen, dass man sich nicht unbedingt vor etwas drücken will, sondern einfach nicht kann.
      Gerade Burn-Out-Patienten oder Depressive kennen dieses Problem sicher nur zu gut.
      Was man nicht sieht, nimmt man nicht ernst... ist doch meist so.
      Schade!

      Ganz liebe Grüße

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